08.07.2011

Wandern zwischen Trend und Tradition

Kleiner Wanderessay anlässlich des
hundertsten Geburtstags der OWK-Ortsgruppe Waldbrunn

Zum Gelingen einer Feier auf dem Katzenbuckel anlässlich des hundertjährigen "Geburtstags" des Odenwaldklubs Waldbrunn trug auch das Projektbüro proreg, Michael Hahl, mit einer Geotour über den "Feuerberg" bei. Die erste Vorsitzende der OWK-Ortsgruppe konnte "Mitstreiter" aus vielen anderen Ortsvereinen begrüßen, unter anderem aus Amorbach, Buchen, Walldürn und Mosbach. Die Exkursion war somit sehr gut besucht und bei den vulkanologischen Kurzvorträgen des Geographen und Geologen scheint der Funken durchaus übergesprungen zu sein ...

Dass der Katzenbuckel nicht nur der höchste Berg des Odenwaldes, sondern auch geotouristisch ein echtes Highlight ist, wurde dem längst erloschenen Feuerberg bereits in der wie immer kurzweiligen Ansprache von Landrat Dr. Achim Brötel attestiert. - Einhundert Jahre OWK Waldbrunn! Dieses Jubiläum ist wahrlich geschichtsträchtig und beachtlich. Auch das Projektbüro proreg gratuliert der OWK-Ortsgruppe Waldbrunn, vor allem der engagierten Vorsitzenden Helgard König!

Zum runden Geburtstag eines örtlichen Wandervereins seien hier noch ein paar schweifende Gedanken auf einen essayistischen Trampelpfad zwischen Trend und Tradition des Wanderphänomens geschickt - ein Blick zurück, ein Blick nach vorne ...

Fraglos - den Wandervereinen fehlen junge Mitglieder, wie auch die Vorsitzende des OWK Waldbrunn und der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises reflektierten. Dass dies viele Gründe hat, wurde in den Ansprachen ebenso angedeutet. Diese Entwicklung liegt mit Sicherheit nicht am mangelnden Engagement vieler OWK-Ortsgruppen. Vielmehr schlägt das Pendel der Lebensstile seit Jahren schon verstärkt in Richtung Individualität, und dieser Trend trifft eben in hohem Maße auch unsere Wandervereine.

Wandern ist zwar seit den 1990ern wieder zu einer touristisch höchst bedeutenden Marke geworden, wie etliche Studien belegen, dennoch führt die neue Begeisterung für den Gehgenuss in naturnahen Landschaften nicht zu einer Zunahme der Wandervereinsmitgliedschaften, wie dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.

Dokumentiert ist: Rund 40 Millionen Deutsche wandern. Das sind über 55 % der Bevölkerung. In den Wandervereinen organisieren sich maximal 3-4 % der Bundesbürger. Fazit: Weit über 90 % der deutschen Wanderer praktizieren das Wandern am Anfang des 21. Jahrhunderts lieber vereinsfrei. Das derzeitige Durchschnittsalter der in den Vereinen organisierten Wanderer macht die Prognose eines weiteren Mitgliederschwundes in den nächsten 20 Jahren zum wohl unumgänglichen statistischen Faktum, sofern nicht – was soziologisch kaum zu erwarten ist – eine Trendwende zu anderen Konsequenzen überleiten sollte. Aus der Trendforschung, die zunehmende Individualität, Selbsterfahrung und „Selfness“ prognostiziert, ist jedenfalls keine Änderung dieser Marschrichtung auszumachen.

Individualität schlägt Vereinsmeierei? Dies sind sicherlich nur Schlagworte ohne allzu großen Aussagewert. Doch man kommt nicht drum herum: Die Wandervereine scheinen heute längst nicht mehr als Attraktoren für nachrückende Wandergenerationen tauglich, selbst wenn Manuel Andrack in seinem neuen Gehkultbuch dazu aufruft, den Wandervereinen beizutreten.

Somit findet sich fraglos auch die Planungs- und Umsetzungskompetenz seit langem nicht mehr allein bei den Wandervereinen, sondern deckt im Zeitalter der Wissensgesellschaft vielfältige Aktivitäten ab und bietet nicht nur GPS-Freaks jede Menge Spielräume irgendwo zwischen wandersportlichem Ausschritt und digitalem Auftritt sowie etlichen Profis und Experten neue und innovative Dienstleistungsfelder. Mit dem Wandertrend unserer Tage geht eine neue Professionalisierung einher, etwa im Bereich der Wegeplanung, des Marketings oder der Navigation - von der ausufernden Outdoorbranche für Bekleidung und Ausstattung gar nicht zu sprechen.

Dadurch ist natürlich auch der Versuch einer Marktpositionierung, welcher die vereinseigene Phalanx als alleinigen Ansprechpartner für alle wandertouristischen Belange präsentieren möchte, längst überkommen. Hier ist heute auf allen Seiten Wettbewerbsethik gefordert, bei Planungsbüros ebenso wie bei den unternehmerischen Zweigstellen in den regionalen Vorstandschaften einiger deutscher Wanderklubs, die gerne und verdientermaßen mit traditioneller Ehrenamtlichkeit kokettieren, parallel dazu aber einen dem Markt durchaus entsprechenden, mit Tagessätzen honorierten Dienstleisterweg einschlagen – eine Ambivalenz, die den freien Markt manchmal etwas ad absurdum führt und vielleicht im Lauf der kommenden Jahre erst noch weiter zur eindeutigen unternehmerischen Profillinie zurecht wachsen muss.

Letztlich können ja gerade aus der Dienstleistungsvielfalt wirklich neue Wege der Produkt- und Qualitätsentwicklung in den Wanderdestinationen entstehen. Für den Tourismusmarkt wäre es schlichtweg kontraproduktiv, nicht vereinsgebundene Mitbewerber vom Spielfeld zu schicken, damit die einflussreiche Liga der Wandervereine am Ball bleiben kann. Dienstleister und Auftraggeber müssen erkennen, schätzen und differenzieren lernen, was für die Wanderinfrastruktur bereits von Vereinen geschaffen wurde und was für die innovative Entwicklung nun auch von vereinslosen Anbietern geleistet werden kann und – aufgrund der neuen gesellschaftlichen Verhältnisse und Trends - auch zunehmend geleistet werden muss.

Zu dem jedenfalls, was im Odenwald bereits geleistet wurde, haben die wanderfreudigen OWK-Ortsvereine über Jahrzehnte hinweg ganz wesentliche Beiträge vollbracht - und diese Beiträge sind und bleiben bedeutend und ihrer Bedeutung angemessen zu würdigen! "Das Heute halte die Vergangenheit umschlungen mit der Erinnerung, und die Zukunft mit der Sehnsucht", schrieb einst Khalil Gibran. Auch wenn das Heute längst vielfältiges Wanderneuland jenseits der Vereinstätigkeiten erschlossen hat, so hat die Vergangenheit dennoch ihre Spuren - und Infrastrukturen - hinterlassen und erweist sich gerade an einem so beachtlichen Jubiläumstag wie dem des hundertjährigen Ortsvereins Waldbrunn als sehr lebendig. Und dies nicht zuletzt durch eine engagierte Vorsitzende wie Helgard König, die in ihrer Ansprache das Gestern in die Gegenwart zurückholte, indem sie mit einer kleinen Zeitreise anhand alter Presseberichte das Gründungsjahr 1911 und die Dimension von einhundert Jahren Vereinsaktivität begeisternd veranschaulichte.

Ob die Wandervereine auch in Zukunft frischen Wind bekommen und neue Formate schaffen, wie beim Deutschen Wanderverband ja durchaus zu beobachten, oder ob der Drang einer Internetgeneration - die übrigens keineswegs von der Natur abgewandt sein muss - zu individuellen und offenen Strukturen führen muss ... - nun, letztlich wird es nur eine zeigen können: die Zeit.

Fotos: OWK (mit freundlicher Genehmigung)

20.07.2010

Dem Neckar auf der Spur

Wandern und staunen am neuen Eberbacher Naturpark-Pfad

Gemächlich fließt der Fluss vorbei an steilen Bergflanken, mittelalterlichen Burgen, idyllischen Dörfern und lebendigen Städtchen. Nichts im romantischen Neckartal scheint an die gewaltigen Kräfte zu erinnern, die seinen Lauf stets veränderten, an das Jahrtausende und Jahrmillionen alte Wechselspiel aus Hebung und Absenkung ganzer Landstriche, an die Anzapfung eines südwärts fließenden Stromes, eine Flussumkehr, die Bildung von Neckarschleifen und deren Abschnürung. – Die Flussgeschichte hat ihre Spuren nirgendwo so markant und vielfältig hinterlassen wie in der Landschaft um Eberbach. An keinem Abschnitt des Flusstals erleben Sie die Zeugnisse der Neckarentwicklung so eindrucksvoll wie hier. Am Eberbacher Pfad der Flussgeschichte entdecken Sie den uralten Neckar ganz neu!

Der Themenweg wurde vom Naturpark Neckartal-Odenwald und der Stadt Eberbach mit Fördermitteln des Landes Baden-Württemberg, der Glücksspirale und der EU eingerichtet. Initiiert, geplant, textlich bearbeitet und wissenschaftlich begleitet wurde der geotouristische Wanderpfad von Michael Hahl, Inhaber des geographischen Projektbüros proreg mit Sitz in Waldbrunn am Katzenbuckel. Die grafische Umsetzung der Illustrationsvorlagen übernahm Gabriele Henn. Der Pfad der Flussgeschichte will die Gäste Eberbachs, Wanderer und Bildungstouristen, Aktivurlauber und ganze Familien, ebenso ansprechen wie einheimische Entdecker oder auch Schulklassen und Studenten.

Auf einem etwa zehn Kilometer langen, landschaftlich ungewöhnlich attraktiven Rundweg, der allen wandertouristischen Qualitätskriterien entspricht, durchstreift man hier einen Landstrich voller Überraschungen. Auf 15 Tafeln wird die geologische und flussgeschichtliche Entwicklung des Neckars eindrucksvoll und verständlich dargestellt. Die Route beginnt am altehrwürdigen Thalheimschen Haus, Sitz des Eberbacher Naturparkzentrums in der Kellereistraße, und verläuft zunächst durch die Altstadt. Vier Tafeln im mittelalterlichen Stadtbild zeigen, dass Eberbach immer eng mit dem Fluss verbunden war und heute noch ist.




Dann führt der Naturpark-Pfad bergauf in die herrliche Kulturlandschaft auf den Breitenstein. Hier entdeckt man Umlaufberge, die einst von Neckarschleifen umzogen wurden, sowie weitere frühere Talböden des Neckars. Man erkennt, warum das markante Eberbacher Neckarknie Überbleibsel einer Flussanzapfung ist und wie der junge Neckar sein Einzugsgebiet im Lauf der Jahrmillionen sukzessive erweitern konnte.

Natur und Kulturlandschaft, Altstadtflair und Wandergenuss sowie die erstaunliche Entwicklung der Landschaftsformen im Neckartal lassen sich am Pfad der Flussgeschichte gleichermaßen erleben. Und im Anschluss bietet die Gastronomie auf dem Breitenstein oder in der Eberbacher Innenstadt jede Menge Gaumenfreuden und ein kühles Getränk, regt zu einem Einkaufsbummel oder Museumsbesuch an. Die Anreise zum Pfad der Flussgeschichte ist mit der S-Bahn, mit dem Pkw oder auch mit einem Neckarschiff möglich. Weitere Informationen erhalten Sie unter Telefon 06271-87242 oder E-Mail tourismus@eberbach.de bei "Kultur - Tourismus - Stadtinformation" im Eberbacher Rathaus. Dort können Sie auch den neuen Imageprospekt zum "Pfad der Flussgeschichte" bestellen.

Fotos / Copyright: Michael Hahl 2010

20.03.2010

Zukunftsmarkt Wandern

Am 12. März wurden die ersten Ergebnisse aus einer repräsentativen Untersuchung zum Wandermarkt auf der ITB vorgestellt. Fachlich umgesetzt wurde die Studie vom Europäischen Tourismusinstitut an der Universität Trier (ETI).

Die emprisch umfassend ermittelte Studie klopft etliche Daten und Zahlen fest und formuliert Zukunftsthesen, um zielgruppengerechte Wanderinfrastruktur effektiv planen zu können. Wirtschaftliche Auswirkungen, Wandermotive und Lebensstilgruppen werden beleuchtet. Damit schafft die Studie ein weiteres wertvolles Instrumentarium sowohl für wandertouristische Planungs- und Projektbüros als auch für die Tourismusverbände der Wanderdestinationen oder solcher Regionen, die es werden wollen. Aus der geographischen Perspektive betrachtet sollte die neue Grundlagenuntersuchung natürlich auch in den Universitätsbibliotheken der Sparte Freizeit- und Tourismusgeographie nicht fehlen.

Auf den ersten Blick fallen mir zwei wichtige Thesen aus der Studie auf - nicht wirklich neu, aber aufs Neue bestätigt: Die Professionalisierung des Wandermarkts muss weiter voranschreiten, das heißt nicht nur ehrenamtliche Mitglieder der Wandervereine sollten die Verantwortung für die Wegeinfrastruktur tragen, weitere professionelle Wanderkompetenz ist ratsam und erforderlich. Und: Um auf dem deutschlandweiten und internationalen Wandermarkt wettbewerbsfähig zu sein, muss konsequent in Qualität und Qualifikation investiert werden.

Eine 36-seitige Druckversion mit den wichtigsten Studienergebnissen aus der Grundlagenuntersuchung kann unter dem Titel "Zukunftsmarkt Wandern" beim Deutschen Wanderverband kostenpflichtig angeordert werden.


Links zur ITB-Vorstellung der Studie:
http://www.eti.de/presse.php?content%5Bsession-objectID%5D=4666&content%5Brequest-template%5D=news-view-public
http://www.wanderverband.de/conpresso/_data/PM_6_Ergebnisse_Grundlagenuntersuchung.pdf


Edit 18. Oktober 2010:
Die Langfassung des Forschungsberichts zur Grundlagenuntersuchung "Freizeit- und Urlaubsmarkt Wandern" finden Sie seit September 2010 nun hier - als download: http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen,did=362296.html
Sobald ich einmal zeitlich dazu kommen sollte, werde ich auch eine etwas detailliertere Stellungnahme zum Forschungsbericht verfassen. Die Studie bietet durchaus einige weitere interessante Aspekte, um noch mehr Klarheiten im Wandertourismus-Segment zu schaffen. Pflicht-Background für Projektstudien und Beratungen!

02.02.2010

Projekt Neckarsteig

Chance für den regionalen Wandertourismus

Aktuelle Pressemeldung des Landratsamtes Neckar-Odenwald-Kreis und des Naturparks Neckartal-Odenwald:

"Vertreter von 14 Städten und Gemeinden, der jeweiligen Tourismusverbände, des Odenwaldklubs und des Naturparks Neckartal-Odenwald haben sie kürzlich im Ratssaal der Stadt Eberbach gemeinsam aus der Taufe gehoben: die „Interessengemeinschaft Neckarsteig“. Mit der klaren Zielsetzung, dem Wandertourismus neue Impulse zu geben. „Allein die Tatsache, dass hier so erstaunlich viele Kommunen und Tourismusorganisationen vertreten sind, beweist das große Interesse am Projekt „Neckarsteig“, freute sich Landrat Dr. Achim Brötel (Mosbach), der als Naturparkvorsitzender die Sitzung leitete.

Unter Federführung des Naturparks wird, wenn sich das Projekt tatsächlich verwirklichen lässt, entlang des Neckars und über die angrenzenden Höhen in absehbarer Zeit ein Qualitätswanderweg entstehen, der nach den Gütekriterien des Deutschen Wanderverbandes zertifiziert werden soll. Die Idee dazu stammt von dem in Eberbach lebenden Triathlon-Doppel-Europameister Timo Bracht. Der erlebt die Schönheit und Vielfalt seiner heimischen Trainingsstrecken beinahe täglich und wollte damit im wahrsten Sinne nicht „hinter dem Berg“ halten. Bürgermeister Bernhard Martin aus Eberbach erkannte sofort das enorme Potenzial der Idee, die Schönheit des Neckartals einer noch breiteren Öffentlichkeit nahe zu bringen, und versammelte deshalb zusammen mit dem Landratsamt des Neckar-Odenwald-Kreises und dem Naturpark alle Beteiligten an einen Tisch.

„Um im heiß umkämpften Wandermarkt punkten zu können, kommt es heute mehr denn je auf Qualität an“, erklärte Michael Hahl, der die entsprechende Projektstudie zum Neckarsteig erstellt hat, bei dieser Sitzung: „Eine Zertifizierung ist kein rein bürokratischer Akt, sondern bietet dem Wanderer die Gewähr, dass wirklich alles passt – von der attraktiven Streckenführung über eine „unverlaufbare“ Beschilderung bis hin zu Rast- und Einkehrmöglichkeiten.“ Die Resonanz der Gemeinden ist durchweg positiv. Auch der Odenwaldklub, der eng in die Konzeption und Realisierung des Projekts mit eingebunden sein soll, steht klar hinter dem Neckarsteig, wie OWK-Vorsitzender Landrat a.D. Norbert Hofmann in Eberbach zum Ausdruck brachte.

Allerdings hat Qualität ihren Preis. Deshalb wurde in der gleichen Sitzung sehr offen auch über die finanziellen Aspekte gesprochen und verschiedene Kostenmodelle wurden diskutiert. Landrat Dr. Brötel fasste die Diskussion abschließend zusammen: „Bei einem so komplexen Projekt mit so vielen Beteiligten gibt es immer eine Fülle von unterschiedlichen Interessenlagen zu berücksichtigen. Auch wenn wir auf einem guten Weg sind: Über diese erste Gründungssitzung hinaus gibt es sicher noch weiteren Abstimmungsbedarf.“ Fest steht, dass das Projekt Neckarsteig weiter verfolgt werden wird. Ein Termin für ein nächstes Treffen der Interessengemeinschaft wurde schon für Anfang Mai ins Auge gefasst."

Quelle:
http://www.neckar-odenwald-kreis.de/url.php?/page/2629/skin/nok2

Edit Oktober 2011:

Das Projektbüro proreg hat eine umfassende Projektstudie (80 Seiten) und dem Entwurf eines Streckenverlaufs (zusammen mit Timo Bracht) für den projektierten Qualitätswanderweg "Neckarsteig" vorgelegt. Sie beinhaltet auch eine Fülle von wandertourismuswirtschaftlichen Vorschlägen und unternehmerischen Ideen und Impulsen.


Aktuell ist übrigens kein geographisches Planungsbüro aktiv, sondern der Dienstleisterzweig des Gesamt-Odenwaldklubs: Der Wanderverein übernimmt unter Federführung des Naturparks Neckartal-Odenwald und der Touristischen Gemeinschaft Odenwald TGO die Endauswahl - auf der Grundlage der Timo-Bracht-Route - und Markierung eines zertifizierbaren Streckenverlaufs.

Das Projektbüro proreg ist derzeit mit der textlichen und inhaltlich-konzeptionellen Erarbeitung eines Marketing- und Medienauftritts sowie mit der Einteilung der Tagesetappen beauftragt; dabei entsteht gegenwärtig insbesondere eine erste Broschüre zum Neckarsteig, an der auch der Eberbacher Naturfotograf Andreas Held mitwirkt. Die Broschüre wird im Januar 2012 auf der CMT veröffentlicht.

06.09.2009

"Nur wo du zu Fuß warst...

...warst du wirklich."

Am 04.10.09, ab 19 Uhr, liest Ulrich Grober im Naturpark Neckartal-Odenwald.

Ein exquisiter Journalist, ökologisch denkender Philosoph und hochkarätiger Universaldenker wirft mit anregenden Worten und begeisternden Analysen bunte Streiflichter auf das Wesentliche des Wanderns! Lesenswert, hörenswert - wenn Sie die empfehlenswerte Veranstaltung miterleben möchten: Wir freuen uns über Ihr Kommen!

Eintritt an der Abendkasse: 4 Euro




















Bild: Buchautor Ulrich Grober auf der Goethe-Wanderung bei Großkochberg; Aufnahme: Herbert Schnierle-Lutz, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Ulrich Grober
Zum Vergrößern bitte Bilder anklicken!

Mit dem populären Buch „Vom Wandern - neue Wege zu einer alten Kunst“ entstand 2006 ein Bestseller über eine wiederentdeckte Freizeitaktivität. Wanderglück, so die Botschaft des Autors Ulrich Grober, hängt nicht vom Logo an der Jacke ab. Seine eigenen Pforten der Wahrnehmung möglichst weit öffnen - für Natur und Landschaft und für seine innere Stimme - ist allemal wesentlicher.

Im Trendmarkt Wandertourismus setzt Grober den Akzent auf jene Individualität, die dem heutigen Wanderer entspricht: Wer leidenschaftlich wandert, ist Lebenskünstler, selten ein Freund von Pauschalen. Das Schweifen durch die Landschaft ist Kontrasterfahrung. In einer von den Maßregeln der Ökonomie gezeichneten Welt schafft das Wandern einen Kontrapunkt ökologischen Bewusstseins. Vielleicht liegt genau hierin das Geheimnis, warum jenseits von Kniebundhosen und Karohemden ein neuer Trend des eigenwilligen Gehens herangewachsen ist: Die Rückkehr zum menschlichen Schrittmaß spiegelt Sehnsucht nach Entschleunigung. Wandern ist individuelle Einübung in einen Lebensstil der Nachhaltigkeit.

Auf Einladung des Naturparks Neckartal-Odenwald und des Projektbüros proreg kehrt Ulrich Grober in einen jener Naturräume zurück, in welcher sich seine eigene Vorliebe einst entwickelte. Seine Wanderbiografie begann nämlich im Odenwald - mit einem Gang „über buchenbestandene Kuppen an der Bergstraße hinauf zum Melibocus“, schreibt er. Und: „Das Neckartal ist zum Wandern paradiesisch. Ich kenne es von einigen Touren im Frühling, von Heidelberg aus, auf den Spuren der Romantiker. Fabelhaft.“ - Grobers Lesung in Eberbach dürfte fraglos auch ein fabelhafter Leckerbissen für all diejenigen werden, die das bewusste Schweifen durch die Natur ebenso lieben wie das geistreich wandernde Wort.

(Text: U.Grober/M.Hahl)

Ort: Eberbach, Naturparkzentrum
(wegen möglicher Änderungen bitte Tagespresse beachten!)
Termin: Sonntag, 04. Oktober 2009, ab 19 Uhr
Platzreservierung wird empfohlen:
Naturpark-Geschäftsstelle, Tel. 0 62 71/7 29 85
oder E-Mail: info@naturpark-neckartal-odenwald.de

05.09.2009

Wandertipp: "Lieblingsplatz" Breitenstein

Zum Vergrößern bitte Bilder anklicken!








































Alte Kulturlandschaft Breitenstein -
Verbissspuren von Weidetieren

Foto: Dr. Stefan Zeeh

Wandertipp: Mühlenweiler im hellen Grund

- siehe auch Link SWR-Beitrag -

Es gibt so einige zauberhafte Plätze im Odenwald - ein ganz besonderer ist der Höllgrund, ein tief in die Buntsandstein-Schichten eingeschnittenes Bachtal am Fuße des Katzenbuckels, im südlichen Teil des Mittelgebirges gelegen und zur Verbandsgemeinde Waldbrunn gehörend.

Hier scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Auch wenn die Höllgrunder Haushalte nur eine gute halbe Autostunde von Heidelberg oder Mosbach entfernt sind und durch Internet und DSL ohnehin längst globalen Anschluss gefunden haben. Doch im Landschaftsschutzgebiet "Höllgrund mit Eisigklinge und Scheuerklinge" lässt sich der Charakter einer alten Kulturlandschaft noch gut nachvollziehen, und zahlreiche Siedlungs- und Wirtschaftsspuren erzählen uns vor allem aus dem 19. Jahrhundert.

Das historische Foto, das wohl etwa zu Beginn des 20 Jahrhunderts aufgenommen wurde, zeigt den "Mühlenhof", eine Jahrhunderte alte Ansammlung von bäuerlichen Gehöften im Unterhöllgrund. Zwei dieser Gebäude waren zeitweise - zum Zwecke des Getreidemahlens - mit Mühlrädern ausgestattet. Auf dem - heute nicht mehr vorhandenen - Fachwerkhaus Mitte rechts ist das über ein oberschlächtig betriebenes Mühlrad ablaufende Wasser zu sehen, das aus einem Kandel (gemauerter Wasserkanal) dem Mühlgraben zugeleitet wurde.

Eben diese dorfgemeinschaftlich genutzten Kandel aber waren es, die über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder auch zu Ärgernissen und Konflikten führten. Der "helle Grund" war stets ein Tal der Mühlen - und der Wiesenwässerung, und so dürfte das bereits seit der Erstdokumentierung eines Unterhöllgrunder Mühlenbetriebs im Jahr 1474 gewesen sein. Beide wirtschaftsgeschichtlichen Nutzungsweisen setzten ein ausgeklügeltes Kandel-System voraus, damit immer genug Wasser sowohl zur Bewässerung der Hangwiesen als auch zum Betreiben der Mühlräder vorhanden war. - Wie in vielen anderen Regionen, so ist auch im Unterhöllgrund ein aktenkundiger Mühlenstreit belegt, der sich im frühen 19. Jahrhundert abspielte: Die Bäuerin Eva Rosina Weiß fürchtete, dass ihr das Wasser für ihre Wiesen abgezapft würde, wenn ihr Nachbar Nikolaus Ihrig seine Pläne, sein Gebäude mit einem Mühlrad auszustatten und eine neue Mahlmühle im Unterhöllgrund anzusiedeln, umsetzen würde.

Als Ihrig schließlich eine herrschaftliche Mühlenkonzession beim Amt Zwingenberg beantragte, begann der fast einjährige Rechtsstreit Weiß contra Ihrig, der sogar zu einer statistischen Bevölkerungserhebung im Herrschaftsgebiet der Zwingenberger führte, um die Notwendigkeit der Errichtung einer neuen Mahlmühle im unteren Höllgrund einschätzen zu können. - Am Ende, im zeitigen Frühjahr 1806, gab es eine gütliche Einigung zwischen beiden Parteien sowie eine exakte gesetzliche Regelung, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit welcher Anlieger Wasser aus den dörflichen Kandeln für seine Wiesen respektive seine Mühle entnehmen durfte. Wiesenwässerungsgesetze hießen solche Regelungen, und es gab sogar sogenannte Wiesenwässerwarte, die im Konfliktfall zweier Interessensgruppen zur Klärung der Umstände und Ansprüche hinzugezogen wurden. - Das historische Foto zeigt die im frühen 20. Jahrhundert immer noch weitaus offenere Hangwiesenlandschaft, kulturlandschaftliche Spuren, die wenige Jahrzehnte später immer mehr von Wiederbewaldung bedroht wurden; neuerdings versucht man durch landschaftspflegerische Maßnahmen dem Verbuschungseffekt ein wenig entgegen zu wirken.

Heute sind im Höllgrund zahlreiche Relikte historischer Wirtschaftsformen erhalten: Verfallene Kandel heben sich als unscheinbare Geländestufen von den Hängen ab, und zwei im 19. Jahrhundert mit Mühlrädern ausgestattete bäuerliche Gebäude stehen noch im Unterhöllgrund und dienen als geschichtsträchtige Wohnhäuser. Im Oberhöllgrund erzählt die restaurierte Holznersmühle mit Mühlrad, Mühlgraben und den über die Hangwiesen angelegten Wasserkandeln aus einer Zeit, als die Odenwaldbauern noch existentiell abhängig davon waren, was ihnen die landschaftlichen Ressourcen bieten konnten, und mit ihnen die technisch erstaunlich gut genutzte Wasserkraft dieses Bachtals.

Das historische Foto aus dem frühen 20. Jahrhundert präsentiert die Oberhöllgrunder Mühle mit einem pflügenden Bauern. Noch heute schlägt das Mühlrad hier den Takt im stillen Höllbachtal!

Sie möchten eine Wanderung durch diese atmosphärische Landschaft unternehmen? - Mein Tipp: Starten Sie im Unterhöllgrund und folgen Sie zunächst der asphaltierten, aber dennoch idyllischen Straße, immer am Höllbach entlang, bis zum Oberhöllgrund. Unterwegs können Sie, wenn Sie die Augen offenhalten, Spuren der landbauhistorischen Wasserkanäle an den Hängen entdecken, aber auch die historischen Häuser des Mühlenhofs werden Sie passieren. An sonnigen Sonntagen, wenn der Ausflugsverkehr zum bewirteten Mühlengasthaus der Familie Holzner besonders groß sein sollte, möchten Sie vielleicht lieber einen der am Hang verlaufenden Wanderwege nutzen, immer parallel zum Talboden. Sie kommen bald an die historische Holznersmühle, wo Sie das intakte Mühlrad bewundern können. Und wenn Sie hier einkehren - vielleicht führt Sie der Gastwirt sogar durch sein historisches Gebäude mit dem liebevoll restaurierten Mahlwerk?!

Dann sei Ihnen der Anstieg, immer weiter am Höllbach, bis nach Mülben empfohlen, wo Sie schließlich am Mülber See das wunderbar gelegene Quellgebiet des etwa sieben Kilometer langen Fließgewässers erreichen. - Für den Rückweg können Sie erst ein Stück den selben Weg benutzen - und dabei vielleicht dem Kurgestüt noch einen Besuch abstatten. Dann aber laufen Sie den 40er Ortsweg von Mülben aus bis zum Felsenhaus, einem markanten Sandstein-Aufschluss, wo einst die heimatlosen Räuber der Winterhauchbande um den Hölzerlips übernachtet und ihr Diebesgut aufgeteilt haben sollen. Übrigens: Auch in einer noch heute erhaltenen Scheune des Unterhöllgrundes soll man den Räubern Unterschlupf gewährt haben! - Über das Jagdschloss Max-Wilhelmshöhe, das aus den Sandsteinen des um 1850 wüstgefallenen Dorfes Oberferdinandsdorf erbaut wurde, kommen Sie auf den Rennweg und von hier aus schließlich wieder in den Unterhöllgrund, dem Ausgangspunkt Ihrer Wanderung. Selbstverständlich können Sie alternativ auch an vielen anderen Lokalitäten Ihren Rundweg beginnen, bspw. an der Holznersmühle oder am Kurpark in Mülben.

Auf der Wanderkarte, Maßstab 1:20.000, Nr. 13 "Neckartal-Odenwald" finden Sie alle Wege und Lokalitäten aufgeführt und können sich Ihre Tageswanderung individuell zusammenstellen. Oder wenn Sie möchten, kontaktieren Sie einfach "Michael Hahl - proreg" und vereinbaren Sie eine geführte Themenwanderung für Ihren Betriebsausflug, Ihre Wandergruppe oder Schulklasse. - So oder so: Wir wünschen viel Spaß im Tal, wo die Zeit langsamer vergeht als anderswo!

Abbildungen:
Alle Fotos stammen aus dem proreg-Archiv - Copyright: Michael Hahl

Publikationen zum Höllgrund:
HAHL, M. (2004): Der Mühlenstreit im Unterhöllgrund 1805/1806. Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte des südlichen Odenwaldes sowie zum Konfliktpotential zwischen Mühlengewerbe und Wässerwirtschaft. In: Gemeinde Waldbrunn (Hrsg.): 600 Jahre Waldkatzenbach. Chronik eines Dorfes auf dem Winterhauch. S.129-150
HAHL, M. (2004): Der Streit um das Wasser. In: Dorflinde. Zeitschrift des Odenwaldklubs. 86.Jg. H.3, 2004. S.6-7
HAHL, M. (2004): Der Mühlenhof im Unterhöllgrund. In: Dorflinde. Zeitschrift des Odenwaldklubs. 86.Jg. H.2, 2004. S.4-5
HAHL, M. (2008): Siedlungsspuren im Unterhöllgrund. Geologie und frühe Siedlungsgeschichte eines Weilers im südöstlichen Odenwald. In: Der Odenwald. Zeitschrift des Breuberg-Bundes


Dieser Beitrag wurde am 13. März 2008 auf http://proregnews.blogspot.com/ erstmals veröffentlicht.